Nicolas Mathieus preisgekröntes Buch «Wie später ihre Kinder» ist eine grossartige Coming-of-Age-Geschichte aus den Industrialisierungsruinen der französischen Provinz
Anthony ist vierzehn. Mit sich selbst weiss er nicht viel anzufangen. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Cousin träumt er vom Strand am anderen Ufer des Sees. Dort sollen die Mädchen nackt baden. Die beiden raffen sich auf, stehlen sich zum nahe gelegenen Ferienheim, klauen ein Kanu und retten sich in einer wilden Pad- delei über den See. Am Strand sind tat- sächlich zwei Mädchen, Steph und Clem, in der Bucht davor schaukelt ein Motor- boot: Diese Jugendlichen kommen aus einer anderen Welt. Aber der Cousin hat Hasch dabei, es ist ihr Zugangsticket über den sozialen Graben. Die beiden werden sogar zu einer Party eingeladen, voraus- gesetzt, sie bringen Dope mit. Nur: Die Party steigt in einem Herrenhaus mit Swimmingpool, das vierzig Kilometer ent- fernt liegt. Wie bloss sollen sie dorthin gelangen? Sie klauen das Motorrad von Anthonys Vater, das dieser vermutlich selbst gestohlen und in der Garage ver- steckt hat.
Abgestellte Hochöfen
Von Beginn weg sind die Fronten abge- steckt im zweiten Roman des Franzosen Nicolas Mathieu, der letztes Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden ist. «Wie später ihre Kinder» spielt in den 1990er Jahren, die Hochöfen der Stahl- industrie im französischen Lothringen sind abgestellt. Abgestellt sind auch die Arbeiter, die sich stolz als «hommes de fer», als Eisenmänner, bezeichnet, eine kollektive Identität entwickelt und Seite an Seite mit Zuwanderern gearbeitet hat- ten. Anthonys Vater etwa schlägt sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheits- arbeiten in den Gärten der Wohlhabenden durch, mäht und schneidet Hecken, er- tränkt seine Wut im Alkohol, und rasch fliegen seine Fäuste.
Nicolas Mathieus Roman fügt sich ein in eine ganze Reihe von Büchern der letz- ten Jahre, die von den Menschen erzäh- len, die mit der Globalisierung und der zugehörigen Deindustrialisierung ganzer Landstriche auf der Strecke geblieben sind. Ein Meilenstein aus Übersee war «Die Abwicklung» von George Packer, im Original 2013 erschienen. Der US-Journa- list zeichnet darin 14 exemplarische Bio- grafien von Gewinnern und Verlierern der radikalen wirtschaftlichen Umwälzung in den USA. Massstäbe in Europa setzte «Rückkehr nach Reims» von Didier Eribon, das Original von 2009. Anhand seiner eigenen Familie spürt der Soziologe darin
dem Rechtsrutsch der Bevölkerungsgrup- pen nach, die sich von gewerkschaftlich organisierten strammen Linkswählern zu Wählern des Front National gewandelt hatten. Weitere, zumeist autobiografisch grundierte Bücher über die Unterschicht in der Provinz folgten, «Hillbilly Elegy» von J. D. Vance in den USA oder der auto- biografische Kindheitsroman «Das Ende von Eddy» (2014) von Edouard Louis in Frankreich.
Nicolas Mathieus Buch ist ein Roman, auch wenn der heute 41-jährige Autor im französischen Nordosten, wo sein Buch spielt, aufgewachsen ist und mit seinem Protagonisten Anthony wohl mehr als nur das Alter teilt. Mathieu erzählt aus der Perspektive der Jugendlichen. In Zwei- jahressprüngen folgt er ihnen über sechs Jahre jeweils ein paar Tage um den Natio- nalfeiertag am 14. Juli. Es ist der Tag der französischen Einheit und Gleichheit, die ungleicher jedoch kaum sein kann, auch wenn am Ende des Buches an den Fuss- ballnationalmeisterschaften von 1998 mit Frankreichs Einzug in den Final der Tau- mel einer nationalen Zusammengehörig- keit das ganze Land zu erfassen scheint.
Anthony und sein Cousin schaffen es an die Party, spüren dort aber schmerzlich genau, wie sehr sie nicht dazugehören. Schlimmer geht es dem marokkanisch- stämmigen Hacine, der sich Zugang er- pressen will, aber umgehend rausgewor- fen wird. Die jeweiligen Wege sind vorge- zeichnet. Mit den Zeitschaltungen führt der Autor vor, wie sich die Biografien in schwindelerregendem Tempo festschrei- ben, bis das Schicksal der Eltern die Kin-
der eingeholt hat. Dem hält der Autor das jugendliche Begehren entgegen und die Bereitschaft, sich das Glück und das Leben zu stehlen: Drogen, Sex, Geschwindigkeit. Der Roman hat viele dialogische Passagen. Sprechender jedoch sind die emotionale Dichte und die Gewalt, die an den sozialen Bruchstellen überkocht und die Sprach- losigkeit flutet. Sprechend ist auch die Körperlichkeit, mit der Nicolas Mathieu die Kulisse auflädt: der schlammige See, dessen Oberfläche wie Öl glänzt; die Schwüle der Luft, eine Eiterblase aus Wind und Blitz; der Sommer, der im Gras knistert; die Sterne, die mitten ins Herz treffen.
Verlorene Träume
Wo die Liebes- und Lebensträume nicht aufgehen, verspricht zumindest die Me- chanik des Motorrads Verlass: «Jedes Teil erfüllte seine Aufgabe mit majestätischer Routine. Ein Funken entzündete das Kraftstoff-Luft-Gemisch. Die Bewegung setzte sich fort, immer schneller, stärker, nicht totzukriegen. Es war eine perfekte Rotation, es genügte, dass das Benzin floss, um Energie freizusetzen, Schnellig- keit, Vergessen, Unendlichkeit.»
Es ist die Illusion von Mobilität gegen- über der Ohnmacht, räumlich und sozial. Nicht von ungefähr hatte sich der Protest der Gelbwesten in Frankreich an der Er- höhung der Benzinpreise entzündet. Mit grosser Bildkraft und kurzen, reportage- artigen Abrissen zeichnet Nicolas Mathieu ein Panorama der heutigen französischen Gesellschaft, mit schmerzvoll zuckenden Muskeln.
Publiziert in «Bücher am Sonntag», Beilage der «NZZ am Sonntag», am 29. September 2019. Bild © Bertrand Jamot